NEUSTART – AUSSTELLUNG 21.3. – 30.5.2021

Unter dem Titel “NEUSTART” zeigen die Künstler/innen Margret Schopka, Rosemarie Stuffer, Stefan Philipps und Rolf Scheider vom 21. März bis 18. April im Kunsthaus Troisdorf eine Auswahl ihrer Arbeiten. Ihre Werke scheinen auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten aufzuweisen, doch der genauere Blick deckt viele Überschneidungen auf. Alle vier benutzen eher gewöhnliche bzw. alltägliche Materialien um zu ihren künstlerischen Aussagen zu gelangen. Dabei geht es bei allen um das Thema Assoziation und Deutungsfreiheit. Die zumeist abstrakten Arbeiten sind dabei realitätsnäher als es den Betrachtenden auf den ersten Blick hin auffallen mag.  

Allen vier Künstler*innen gemeinsam ist das Bestreben sowohl realitätsfreie wie auch realitätsbezogene Assoziationen hervorzurufen und so bei den Betrachtenden die visuelle Suche nach Unbekanntem und Bekanntem zu stimulieren.

Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten (Sa. 15 – 18 Uhr u. So. 11 – 14 Uhr) nur nach vorheriger Anmeldung und Terminvereinbarung per E-Mail unter scheider.stuffer@t-online.de oder telefonisch unter 0178-6350949 zu sehen. Für den Besuch ist ein ausgefülltes Kontaktdatenformular erforderlich. Das Formular kann vorher von der Webseite des Kunsthauses heruntergeladen und zu Hause in Ruhe ausgefüllt werden.

VIDEO ZUR EINFÜHRUNG IN DIE AUSSTELLUNG:
https://www.youtube.com/watch?v=VGl2S0f4DSI

EINFÜHRUNGSTEXT ZUR AUSSTELLUNG:

Einen „Neustart“ legen die vier Künstler und Künstlerinnen nun unbeirrt auf das Parkett im Kunsthaus Troisdorf. Lange genug haben sie gewartet, eingespannt in ein entsetzliches Hin und Her von Lockdown, kurzen Öffnungen und neuen Enttäuschungen.
Und jetzt ist es so weit. Die neuen virtuellen Möglichkeiten des Films werden miteinbezogen, und da man so einen virtuellen Rundgang auch abspeichern kann, wird er vielleicht mehr Dauer entwickeln als manche real besuchte Ausstellung. Ein schwacher Trost wenigstens. Doch der haptisch sinnliche Eindruck, das Verweilen vor den Originalen, und zwar genau so lang wie man möchte, im selbst gewählten Abstand und Einfallswinkel vom Licht, das kann natürlich nicht ersetzt werden. Also versuchen Sie, sobald das möglich ist, hierher zu kommen. Doch der Film gibt nun einen ersten Einstieg in die Arbeiten von vier unterschiedlichen Künstlern und Künstlerinnen, die überraschend gut zusammenpassen.
Es sind Margret Schopka und Rosemarie Stuffer, Stefan Phillipps und Rolf Scheider, die hier in dem großen luftigen Kunsthaus in Troisdorf ihr Werk vorstellen. Ein Miteinander, das sich auf interessante Weise ergänzt, was man natürlich am besten an den raffinierten Sichtachsen der Ausstellung sieht, wobei alle vier das Tafelbild auf ihre „Art“ und Weise umspielen oder es auch verlassen, indem sie auf verschiedenste Weise den Raum erobern. Es ist eine Ausstellung, die zeitkritisch ernst ist, und doch auch voller Humor zum Schmunzeln einlädt, voller ästhetischer Schönheit und Entdeckungen. Den Arbeiten haftet etwas Prozesshaftes an.
Sie sind aus Veränderung entstanden wie die Rostarbeiten bei Stefan Phillips, sie können sich im Vorbeiziehen verändern wie bei dem Drahtseilakt von Rolf Scheider oder sie verändern sich, wenn man sie umgeht, wie die Hausskulptur bei Rosemarie Stuffer oder sie verändern sich in und mit der Zeit, wie bei Margret Schopka, die eine niemals fertiges Tapisserie zeigt, schön wie die Unvollendete (Symphonie) von Franz Schubert. Das ist Kunst als Lebensbegleitung bei allen vieren. Und doch haben die vier jeweils auch ein ganz eigenes Profil.
Überall wo es licht und hell ist, sind die sanften Geheimnisse von Rosemarie Stuffer zu entdecken, sei es Malerei, seien es Wandobjekte aus Papier oder Draht, oder ihre Radierungen , die hier zum ersten Mal zu sehen sind. Es eignet ihnen etwas Schwebendes, etwas der Schwerkraft Entzogenes, ja es sind vielleicht wirklich Engel mit leichtem Flügelschlag, die durch diese Bilder ziehen, die erst in diesen Sommer in Salzburg entstanden sind, wo die Künstlerin regelmäßig Fortbildungskurse besucht. Es sind Kaltnadelätzungen in der Kupferplatte. Feinst bewusst gesetzte Schraffuren, die Räumliches andeuten, stehen in Spannung zu leichthin gestreuten, flockigen Strichbüschelchen, doch diese Spannung bleibt ein sanftes Tauziehen um das Geheimnisvolle. Titel wie „Traumwunsch“ verraten dieses schwebend nicht Festzulegende. So ist es auch bei einer, aus leichtem Papier bestehenden hellen Hausskulptur, bei der die gelben Fensterbretter nach innen oder außen geklappt, diese Bewegungselemente wiedergeben, von denen ich anfangs sprach. Es ist eine Skulptur, die umgehbar ist und das kann man sogar mit der Kamera einfangen.
Völlig anders ist die Bewegung bei Stefan Phillipps, der geschliffen klare Kuben ganz bewusst in ein Informel setzt, das sich allein aus den Ausblühungen von Rost ergibt. Hier sind zwei Bilder zu sehen, die aufeinander bezogen sind und verschieden zueinander gedreht werden können. Sie bestehen aus einer starken inneren Spannung, indem klare geometrische oder stereometrische Quader und Kuben schnittartig mittels einer dominanten Weißlinie voneinander getrennt sind, während all das andere aufblühend und malerisch ineinander übergeht. Es ist ein natürliches Geschehen, das der experimentelle Künstler dem Rost abzutrotzen weiß, bis sich längere Ablösungsprozesse auf die aufgelegten Papiere übertragen und diese dann wiederum ebenso fragil werden wie die dünnen Rostbleche selbst. Solche Spannung zwischen Fragilem, Morbidem und den klaren Setzungen bestimmen die Bilder von Stefan Phillipps.
Doch noch mehr: wir fragen, was ist eigentlich eine horizontale Linie, evoziert sie nicht automatisch die Vorstellung eines Horizontes und damit ein Landschaftsbild? Und noch ein bisschen mehr: Werden uns hier „blühende Landschaften“ eröffnet, allerdings aus Rost, in denen nur wenige kulturelle Relikte in Form von farbigen Kuben dem diametral ausgreifenden Zerfall zu trotzen scheinen? Sollen wir das mal mit dem Klimawandel verbinden oder mit der Unfähigkeit des Menschen, dem es nichts nützt, sich in seine so schön und klar konstruierten Behausungen zurückzuziehen.
Mit Blechen arbeitet auch Rolf Scheider, der seine Teile auf Schrottplätzen findet und sie dann zu nobilitieren weiß, indem sie eine edle Patina annehmen, wie der kleine Kubus, der wie ein schwerer Basaltstein aussieht und doch ganz leicht ist, oder dieses kleine seltsam beseelte gedrungene Wesen, dem ich den Namen „Hobbit“ verliehen habe.
Von ganz anderer, leichterer „Art“ Ist die Reihe seiner Seiltänzer in einem kühnen Drahtseilakt im wahrsten Sinne des Wortes. Kurz vor der Wand ist das Seil gespannt, aber so, dass die Figuren darauf und darunter ihre interessanten Schatten werfen können. Dort turnen 12, ebenfalls aus Draht geformte Gestalten durchs Leben. Sie werfen die Arme lustvoll hoch in höchstem Vergnügen oder ducken sich ab bis zum Absturz oder zu einem letztendlichen Verdrücken. Auch hier ist alles Bewegung, durch die Schatten noch einmal vervielfacht. Es ist eine Zeichnung im Raum mit dem Echo des Schattens. Rolf Scheider stellt übrigens zum allerersten Mal seine Arbeiten in der Öffentlichkeit aus.
Auch wenn Margrets Schopkas Wandstücke an großartige barocke Teppiche erinnern, denken wir nur einmal an die Flämisch-Französischen Tapisserien, gehören sie doch zu jener Art Kunst, die sich kaum auf eine dekorative Ausgestaltung beschränken dürften.
Treten wir näher, dann erwartet uns ein Kosmos, der etwas organisch Gewachsenes hat, der nie zu Ende kommt, an dem die Künstlerin wie die Nornen in der alten germanischen Mythologie, immer weiter arbeitet. „Ich mache nichts mehr neu, ich überarbeite nur noch“, sagt sie selbst.
Hier geht eine stille Veränderung vor, die sich in den unmittelbar aus der Natur gegriffenen Blüten, Blättern und Moosen abzeichnet, die sich mit den von vorn nach hinten durchgezogenen Fadenschlingen eines riesigen Stück Teppichbodens verbindet, den Margret Schopka hier zum Bildträger gemacht hat , während sie dort ein Nichts als Bildträger gewählt hat, ein transluzides Nichts, transluzid wie die Zahl „Null“ in Form von durchsichtig gläsernem Tapetenkleister. Geformt, bearbeitet, geschönt, bereichert auch mit Ornament-Siebungen von Kaffeesatz oder Vulkanasche. Diese gewaltige Arbeit wirkt hier kraftvoll und imposant im Raum. Margret Schopka verwendet äußerst sparsame Materialien wie den gebrauchten Teppichboden, die gefundene Vulkanasche, den Tapetenkleister oder die Blüten, die sie findet. Sie arbeitet experimentell und entwickelt aus den allerdünnsten kleinen Algenfäden ihre eigene Kalligrafie. Es geht dabei um ein Werden und Vergehen, eingebunden in eine quasi unantastbare Natur, dem die über weite Strecken in Island lebende Künstlerin ihr besonderes Augenmerk widmet, ohne ihr je zu nahe zu treten oder sie gar zu zerstören.
Sehr persönlich ist ihre Tagebuchwand, die ebenfalls Köpfe enthält, größere und winzig kleine, sogar einen aus einer Kastanie geschnitzt. Zugleich korrespondiert sie damit auch wieder mit den Drahtköpfen von Rosemarie Stuffer oder von Rolf Scheider,
Achten Sie auf diese diffizilen Materialien und Sie werden noch etwas entdecken: Es ist auch weithin eine „Arte Povera“, eine Kunst mit einfachen unprätentiösen Mitteln. Allen vieren geht es dabei um Form und Deformation, um Klarheit und Verschleierung und eine Umwidmung unserer alltäglichen Wahrnehmung. Wir dürfen staunen und das macht eine Kunstausstellung in diesen restriktiven Coronazeiten doppelt wertvoll.

Heidrun Wirth

PICCOLO 2020 – 12.1. – 16.2.2010

Zur Eröffnung der Ausstellung PICCOLO 2020 am 12.1.2020 um 15:00 Uhr laden wir Sie ganz herzlich ein.  
Es begrüßt Sie Vize-Bürgermeisterin Angela Pollheim.
Zur Einführung spricht Sabine Klement.
Die  Ausstellung mit 17 Künstler/innen aus Deutschland die sich dem kleinen Format in der Gegenwartskunst widmet, zeigt Werke von Frank Baquet, Shahin Damizadeh, Georg Gartz, Ulrike Gohla, Friederike Graben, Krzysztof Gruse, Axel Höptner, Hannah A. Hovermann, Marc Kirschvink, Beata Obst, Susanne Patzke, Lena Reifenhäuser, Daniela Renneberg, Barbara Ring, Inge Schmidt, Tor Michael Sönksen und Eri Ständer. Neben etablierten, bekannten Künstlern präsentieren auch wieder junge, interessante Nachwuchskünstler/innen ihre Arbeiten erstmalig mal in Troisdorf.   Die Ausstellung ist bis zum16. Februar 2020 jeweils samstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 14 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter Tel. 02241/1261581 zu sehen.
Die Finissage findet am 16.2.2020 um 11:30 Uhr statt.

Piccolo – eine Ausstellung, die sich dem kleinen Format widmet – hat im fast achtjährigen Bestehen des Troisdorfer Kunsthauses schon Tradition, sie findet nun zum fünften Mal statt.

Beteiligt sind diesmal siebzehn Künstlerinnen und Künstler mit ihren ganz unterschiedlichen Arbeiten, die hier in Gruppen nach Künstlern ‚sortiert‘ geboten werden, zu den Arbeiten liegt eine Liste mit Detailinformationen aus. Vier der ausgestellten Künstler arbeiten in den im Haus befindlichen Künstlerateliers – eine Förderstipendiatin ist auch darunter. Die übrigen Damen und Herren wurden von den hier ansässigen Künstler*innen ausgewählt und eingeladen, um Ihnen Abwechslung zu bieten und den Blick über die künstlerischen Aktivitäten in Troisdorf hinaus zu richten.

Mein Name ist Sabine Klement und ich darf sie in meiner Eigenschaft als Inhaberin einer Kunstagentur in Köln in diese Ausstellung einführen, ich befasse mich also beruflich mit verschiedenen Arten der Vermittlung zeitgenössischer Kunst und habe mir aus Anlass dieser Veranstaltung Gedanken über das kleine Format gemacht.

Die Ausstellung zeigt ihnen ein breites Spektrum an Arbeiten, insgesamt sind es weit über hundert Stück unterschiedlicher Stile und Techniken und damit macht sie Vielheit und Vielfalt zu ihrem Programm.

Zusammengehalten wird das Konzept einmal dadurch, dass hier nur Arbeiten lebender Künstler*innen gezeigt werden und zum anderen durch das Format, das meint in diesem Fall die Größe der Arbeiten, dazu gab es die Regel, dass das das Außenmaß 40x40cm nicht überschreiten durfte. Jetzt erkennen Sie in diesen Räumen leicht, dass das, was so klar und streng klingt, im Ergebnis große Freiheit lässt. Die Arbeiten sind nun nicht unbedingt für diese Ausstellung erstellt worden, Künstler*innen verfügen in aller Regel über einen Fundus und haben dann für diese Präsentation etwas in ihren Augen Passendes, besonders Charakteristisches ausgewählt.

Dabei ist das Format natürlich keine ästhetische Kategorie, kein Kriterium für Qualität – die Werke sind nicht deshalb sehenswert, weil sie 40x40cm nicht überschreiten. Jeder der anwesenden Künstler*innen verfügt über größere Werke, die zu betrachten sich womöglich für Sie lohnen würde, liebe Besucher*innen! Betrachten Sie die Ausstellung insofern durchaus als Appetizer und wenden Sie sich ggf. über das Kunsthaus an die Künstler*innen, wenn Sie sich für mehr interessieren, denn lebende Künstler*innen arbeiten für Sie, das zeitgenössische Publikum – nicht fürs Museum, da kommen ja ehrlich gesagt die allerwenigsten mit ihren Werken hin.

Trotzdem hat das Kunsthaus die Format-Beschränkung als Zugangsschranke für diese Ausstellung in seiner Galerie gewählt – warum? Wahrscheinlich auch, weil der Platz an der Wand, die Ausstellungsfläche begrenzt ist. Der sog. Kunstbetrieb gestaltet sich nicht nur künstlerisch frei und erhaben, sondern es geht auch oft um: Handhabbarkeit, Machbarkeit. Man möchte die Bürgerinnen und Bürger Troisdorfs anziehen und gut unterhalten mit einer abwechslungsreichen Ausstellung, und Werken, die man auch finanziell einmal zu erwerben im Stande ist – die Ressourcen sind allenthalben begrenzt.

Aber nun gibt es in diesem Zusammenhang eine Beobachtung zu machen: Gerade durch das vorgegeben Format, durch seine Wiederholung, werden die Kunstwerke in ihrer Unterschiedlichkeit vergleichbar und das einzelne Werk wird damit in seiner Besonderheit besser wahrnehmbar. Es kann aufschlussreich sein, diesen Vergleich gleich hier mit einzelnen Arbeiten bewusst und aktiv zu zelebrieren und vorzugsweise im Dialog mit einem Partner seine Wahrnehmungen zu artikulieren. Sie werden vielleicht überrascht sein, wie viel konkreter dadurch ihr Gespür, Ihr Verständnis von Qualitäten an Kunstwerken wird. Durch den Vergleich der Unterschiede also erschließt sich das einzelne Werk besser – man spricht von Differenzqualität.

Und es wird dabei zudem deutlich, dass die Beschränkung durch eine äußere Grenze nicht nur als Einschränkung im Sinne einer Freiheits-Beschneidung wirkt, sondern auch einen Spielraum eröffnet, in dem künstlerische Techniken und kreative Taktiken zur Anwendung kommen können und sich in zahlreichen unterschiedlichen Werkvarianten gewissermaßen spektral vor Ihnen auffächern. Wie spielerisch sich künstlerischer Einfallsreichtum über die formale Zugangsschranke der ‚Kleinheit‘ schwingt, um in ganz unterschiedlichen Formen und Sprachen mit ihnen zu kommunizieren, zeigen sehr gut die hier vertretenen Kunstwerke – ich bleibe bei meiner Aufzählung bewusst im Materiellen –, es gibt Arbeiten auf Schmirgelpapier, Karton, Holz, Leinwand und Metall, es wird mit Acryl- und Ölfarbe, Tusche, Kreide, Graphit und Buntstift gemalt und gezeichnet, es wird gedruckt – Techniken von Kartoffeldruck bis Siebdruck und einige Fotodruckverfahren sind vertreten -, es wird geschnitten, gerissen, collagiert und sogar plastiziert, es gibt Malerei, Grafik, Fotografie, Mixed Media und Objektkunst.

Hier deutet sich schon an, dass das Kleine gegenüber dem Großen eigene taktische Möglichkeiten hat, sich zu behaupten. Ich lade Sie ein, mit mir nun noch etwas genauer darauf zu schauen was die Qualität des Kleinen an sich ist, wenn man es nicht nur als Verkleinerung des Großen, sein defizitäres Abbild betrachtet. Und dabei zu fragen: welche Bedeutung hat das Wort ‚klein‘ in Zusammenhang mit Kunstwerken, was löst es bei uns aus? Rein visuell sagt Kleinheit: ‚Ich bin unscheinbar.‘ – man muss näher heran gehen, um eine kleine Sache erkennen und angemessen würdigen zu können. Ein kleines Schmuckstück wirkt bescheiden, zurückgenommen. Es kann aber auch die Konnotation des Erlesenen, Besonderen tragen, wie im Ausspruch „klein, aber fein“ zum Ausdruck kommt.

Klein sein heißt beweglich und flexibel sein – etwas, das man ‚dazwischenschieben‘ kann, wie eine sog. ‚Zwischenmahlzeit‘.

Was beweglich ist, ist auch unabhängiger, variabler, es passt in Nischen, das macht es überlebensfähig und alltagstauglich (nota bene: 60% aller lebenden Tiere sind Insekten!).

Man kann eher eine Vielzahl kleiner Kunstwerke ausstellen, als einige monumentale Werke. Das Werk im kleinen Format ist wie ein Modul, ein Baustein: unterschiedlich einsetzbar und verschiebbar.

Klein sein bedeutet oft auch leicht zu sein.

Die Technologie unserer Zeit, des sog. Informationszeitalters setzt darauf Dinge möglichst

klein zu machen – möglichst kleine Speichermedien und Prozessoren, die sog. Nanotechnologie. Sobald es etwas Kleineres gibt, das dasselbe leistet wie etwas Größeres, erscheint das Größere als schwerfällig, langsam, unterlegen, überholt.

Das einzelne Kleine, das um seiner Kleinheit willen eines besonders aufwändigen Herstellungsprozesses bedarf, tritt uns insbesondere in Form der Miniatur entgegen. Darunter sind nicht nur verkleinerte Modelle von etwas Großem zu verstehen, sondern

auch alle besonders kostbaren ‚Rekorde der Kleinheit‘, zum Beispiel aus Elfenbein geschnitzte chinesische Wunderkugeln, überaus detailreiche Buchmalerei des späten Mittelalters – teils mit nur einem Pinselhaar ausgeführt und Blattgoldverzierung obendrein.

Das Kleine kann durch seine Kleinheit auch geschützt sein vor Augen und Zugriff anderer, womöglich unbefugter Personen. Man hat es ‚für sich‘ und dem Verhältnis zwischen einem kleinen Gegenstand und seinem Besitzer ist oft eine besondere Intimität zu eigen.

Ein kleines Bild kann ich mit einem Blick erfassen, es ist vielleicht nicht größer als das Gesicht einer Person, mit der ich Zwiesprache halte. Um ein sehr großes Bild als Ganzes zu erfassen, muss ich oft eine distanzierte Haltung einnehmen – aber dann drohen mir die Details zu entgehen – eine nicht nur örtlich andere Art der Beziehung.

Das kleine Bild ist für den Betrachter überschaubar: man kann die Bildoberfläche aus der Nähe mit dem Blick abtasten, jeden Strich nachvollziehen. Das Wahrnehmen ist so innig, wie eine Berührung mit den Augen.

Kleines kommt per definitionem nicht alleine daher sondern im Plural – es ist gerne sozial und bringt einige gleichfalls kleine Kumpels zur Gesellschaft mit. Wo ein großes Bild ist, haben rein physikalisch zwei halb so große nebeneinander Platz. Aber was das darüber hinaus heißt, verdeutlicht der aktuelle Vergleich mit der Idee des Jobsharings bei Führungskräften (von dem Einige immer noch sagen, es sei faktisch unmöglich – während anderenorts schon erfolgreich Zwei mehr als Eins plus Eins ergeben). Auch mehrere kleine Kunstwerke ergeben nicht nur die gleiche, anders aufgeteilte Fläche eines Großen, sondern darüber hinaus alles, was aus ihrer Beziehung zueinander als Synergie entstehen kann – sie bringen sich gegenseitig zur Geltung. Vergleichbar bringt auch eine Serie von mehreren Bildern desselben Künstlers dessen künstlerische Qualität zum Vorschein – wir haben hier mehrere Beispiele, an denen Sie es selbst nachvollziehen können.

Und nun sehen Sie mir bitte nach, dass ich Sie auf eine Selbstverständlichkeit ausdrücklich hinweise: ein kleines Kunstwerk kann selbstverständlich Träger einer komplexen Bedeutung sein. Der Symbolwert eines Bildes, seine Tiefe, seine technische und ästhetische Qualität, seine Aura, also seine künstlerische Relevanz stehen nicht im direkten Verhältnis zu seiner physischen Größe. Ein kleines Kunstwerk kann für Sie das gewisse Etwas haben, die Kirsche auf dem Törtchen sein oder die Prise Salz in der großen Suppe ihrer privaten Sammlung oder sogar der Kunst schlechthin.

Ich schließe mit einem Zitat von Johann Feilacher, er ist künstlerischer Direktor des Museums Gugging in Österreich und hat 2013 ein Buch über Art Brut veröffentlicht, es heißt ‚Small Formats‘, dort schreibt er:

„In der Enge und im Kleinen kann man nichts verstecken.“.

In diesem Sinne: genießen Sie mit Muße die Kunstwerke der Ausstellung – es ist alles sichtbar! Danke für ihre Aufmerksamkeit!

Sabine Klement

Kunstvermittlerin

Januar 2020

Referenz: Hilfreich und anregend bei meiner Auseinandersetzung mit dem kleinen Format waren die Schriften von Dr. Michael Niehaus, Literaturwissenschaftler und Germanist. Danke dafür!